Henderson – Schritte

Eine Art Tagebuch des Ankommens in Kurzform. Wird fortgeführt.

12.09.2026

Der einzige Hund, der erhobenen Hauptes und Schwanzes nach 32 Stunden Fahrt aus dem Transporter steigt, ist ein kleiner schwarzer Rüde. Aufgeregt wuselt er herum und wird zum nächsten Auto geführt. Nach einem kurzen Zögern lässt er sich ohne Probleme greifen und reinsetzen.

13.09.2026

Henderson verstrullert uns die Wohnung. Egal, wie wir uns bemühen, er hat schon gepieselt. Er trinkt und pieselt und trinkt und pieselt. Wir gehen mit ihm nach 3 Stunden, nach 2 Stunden. Erfolg haben wir erst, als wir den Takt auf anderthalb Stunden verkürzen.

Stress ist das natürlich für alle. Aber überlegen wir einmal. Dieser kleine Kerl hat nicht nur anderthalb Tage in einer kleiner Box gesessen, in einem Transporter, der zwar beleuchtet und klimatisiert ist, in dem er auch umsorgt wurde, aber der Stress war gewaltig. Es stank regelrecht nach Stress, die Katzen haben miaut, der ein oder andere Hund wird auch mal gewinselt haben. Die Fahrgeräusche, die Fliehkräfte, der Zustand der rumänischen Straßen (Google warnt davor), … . Stunde um Stunde um Stunde. Die Zeit wird endlos. Neue Tiere steigen ein. Dann rumpelt es weiter. Und plötzlich werden Tiere fortgebracht. Was passiert? Angst, Stimmen, Gerüche. Dann wird er aus der Box geholt, mit Halsband und Geschirr ausgestattet. Er steigt aus. Es riecht anders. Kein Tierheim in der Nähe. Auch nicht seine Stadt. Seine Kumpels sind weg. Sein Leben ist verschwunden. Seine Welt existiert nicht mehr. Die geliebten PflegerInnen, die bekannten Abläufe. Futsch.

Dass er nervös ist, ganz klar. Er lässt sich voll und ganz auf uns ein. Er braucht Menschen zum Überleben. Egal wen. Hauptsache Futter, Wasser, Schutz. Er weiß, wie es geht, wie man Menschen um die Pfote wickelt, charmant, liebevoll, anschmiegsam – Schwerstarbeit.

14.09.2026

Er setzt sich, um Futter zu bekommen. Ganz großes Kino. Dieser Ganzkörper-Wedel schafft es, sich soweit zu beruhigen, dass er für einen kurzen Moment sitzen kann.

Ansonsten zeigt er Elemente, die wir vielleicht einmal zu Tricks werden lassen können. Er dreht Pirouetten, er trommelt ungeduldig mit den Vorderpfoten, er läuft mit dem kompletten Hinterteil wedelnd, er läuft Kontakt, er läuft durch die Beine oder zwischen die Beine und dann mit. Er hat da überhaupt keine Scheu.

Henderson begleitet Omi Bori zur Physiotherapie, um einen „Beim Tierarzt passiert dir nichts“-Eindruck zu erhalten. Ist eine Lüge, aber heute nicht. Danach geht es an der Saalburg spazieren. Nur eine kurze Runde. Henderson frisst Laub und Eicheln, aber tote Kröten ignoriert er.

15.09.2026

Wir bringen seine Kot und Urinprobe zum Tierarzt. Sein Termin ist zwar abgesagt, aber das Pieseln ist nur bedingt besser geworden. Wir gehen alle zwei Stunden mit ihm raus. In der Nacht war er der beste Streber der Welt und ist auf ein Pippipad gegangen. Den Kot lassen wir parasitär prüfen. Nächste Woche hat er dann Termin zur Blutabnahme und ggf. Ultraschall, da seine Blutwerte in Bulgarien nicht so gut waren.

Eigentlich müssten wir ins Futterhaus, aber Henderson braucht Ruhe, also fahren wir heim.

16.09.2026

Allmorgendlich werde ich nun an der Bettkante von einem wedelnden Körperchen begrüßt. Henderson tatzt nach mir und möchte geknuddelt werden. Während des Knuddeln läuft er plötzlich aus. Der Uringeruch ist nix was ich zum Aufstehen brauche, aber treibt mich total schnell aus den Kunstofffasern.

Heute fahren wir am Vormittag ins Futterhaus. Da Henderson, sobald er normale Knabbersachen bekommt, noch mehr strullert, wollen wir einen Regenmantel holen, damit die Nieren geschützt sind. Ich hoffe sehr, dass er keine CNI hat, die KI macht es sehr dramatisch. Wenn wir aber ein bisschen das Futter anpassen, z.B. das Nassfutter mit Reis strecken, vegane Zahnsticks und Leckerlis, dann passt das mit dem Pieseln besser. Im Futterhaus sitzt er im Wagen, damit es nicht zuviel wird. Aber zum Anprobieren muss er halt mit.

Wieder Zuhause rollzt er mit uns und am Nachmittag spielen wir zum ersten Mal und machen Quatsch. Außerdem hören wir ein erstes leises Bellen und er fragt nach der Nachtrunde am Treppenabsatz nach, ob ich ihn hochtrage. Bisher hat er sich beschwert, wenn wir ihn hoch oder runtergetragen haben. Haben wir trotzdem, da er definitiv Muskelkater hat.

17.09.2026

Wecker eine halbe Stunde früher gestellt. Es klingelt. Bori seufzt, wir schnaufen, Henderson – wedel, wedel, wedel. Nach ein paar Augenblicken suche ich meine Kleidung, danach Geschirr, Halsband und Leinen vom Wedel. T. macht Bori fertig. Aber während die beiden sich noch durchkämpfen, sind wir schon auf dem Weg nach unten. Und? Jawollja geschafft.

Wieder oben trinke ich meinen ersten Kaffee. Der Ganzkörperwedel und ich kümmern uns um das kranke Meeschweinchen. Heißt ich versorge Flocke und er schaut zu und weg und wieder zu und weg, alles ganz freundlich. Danach wird Henderson erst einmal ausgiebig geknuddelt und gleich noch massiert. Vorn und am Rücken findet er toll, aber an den Hinterbeinen mag er nicht. Aber gerade die sind nötig. Mit Massagebürste lässt er sich dann striegeln.

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